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Zeitkonstante aus Messwerten

Aus der Messreihe holen wir die Physik heraus: Durch Linearisierung und lineare Regression bestimmen wir die Zeitkonstante — und daraus Widerstand oder Kapazität.

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Warum ausgerechnet eine Exponentialfunktion?

Vor jeder Regression steht die Frage: Welcher Funktionstyp passt zur Messreihe? Ein hohes Bestimmtheitsmaß allein genügt nicht — die Wahl muss begründet werden.

  • Physikalisch:Je weniger Ladung noch da ist, desto kleiner der Strom, der sie abbaut — Änderung proportional zum Bestand → e-Funktion.
  • Quotiententest:gleiche Zeitschritte → gleiche Quotienten (bei einer Geraden: gleiche Differenzen).
  • Grenzverhalten:\(U\) nähert sich null, wird aber nie negativ.
Quotiententest an der Messreihe (Zeitschritt \(\Delta t = 2\,\mathrm s\))
\(t\) in s\(U\) in VDifferenz zum VorwertQuotient zum Vorwert
010,0——
26,5−3,5 V0,65
44,3−2,2 V0,66
62,8−1,5 V0,65
81,8−1,0 V0,64
101,2−0,6 V0,67

Die Differenzen schrumpfen, die Quotienten bleiben bei etwa 0,65: Alle zwei Sekunden bleiben rund 65 % übrig — typisch für eine Exponentialfunktion.

  • Gerade:nach etwa 17 s negative Spannung — unmöglich.
  • Parabel:hinter dem Scheitel stiege \(U\) wieder — ohne Nachladen unmöglich.
  • e-Funktion:nähert sich der Zeitachse, bleibt positiv — wie beobachtet.
Merke

Regression begründen: Die Wahl des Funktionstyps muss begründet werden, ein hohes \(r^2\) allein genügt nicht.

Exponentialfunktion: Physikalisch: Die Änderung ist proportional zum Bestand. Quotiententest: Bei gleichen Zeitschritten sind die Quotienten gleich (bei einer Geraden die Differenzen). Grenzverhalten: \(U\) nähert sich null, wird aber nie negativ.

Ausschluss: Eine Gerade ergäbe negative Spannung, eine Parabel stiege wieder an; beides ist unmöglich.

Warum man die Kurve linearisiert

Aus einer gekrümmten Kurve lässt sich \(\tau\) nur schätzen, aus einer Geraden eindeutig ablesen. Deshalb trägt man \(\ln U\) über \(t\) auf.

  • Keine feste Steigung:die Exponentialkurve ändert ihre Steigung überall.
  • Ausgleich von Hand schwierig:durch gekrümmte Punkte keine Ausgleichslinie mit dem Lineal.
  • τ steckt im Exponenten:\(\tau\) bestimmt nur die Krümmung — im Rohdiagramm nicht ablesbar.
Dieselbe Messreihe, zweimal aufgetragen
gemessen: U über t 10 5 0 U in V 0 2 4 6 8 10 t in s Die Steigung ist an jeder Stelle anders — kein Ablesewert. linearisiert: ln U über t 2,5 1,0 0 ln U 0 2 4 6 8 10 t in s Eine Gerade — und damit genau eine Steigung m. ln U bilden
Merke

Linearisieren: Aus einer gekrümmten Kurve lässt sich \(\tau\) nur schätzen, aus einer Geraden eindeutig ablesen; deshalb trägt man \(\ln U\) über \(t\) auf.

Warum: Die Exponentialkurve hat keine feste Steigung, lässt sich von Hand schlecht ausgleichen, und \(\tau\) steckt im Exponenten.

Vom Exponentialgesetz zur Geraden

Logarithmiert man die Entladegleichung, wird aus der Kurve eine Gerade:

Herleitung:

\(U=U_0\,e^{-\frac{t}{RC}}\)
| \(\ln\)
Das Entladegesetz.
\(\ln U=\ln U_0-\dfrac{1}{R\,C}\,t\)
| vergleichen
Logarithmieren macht aus dem Produkt eine Summe.
\(y=b+m\,t\)
| \(m\) ablesen
Geradengleichung mit \(y=\ln U\), \(b=\ln U_0\), \(m=-\tfrac{1}{RC}\).
\(\tau=R\,C=-\dfrac{1}{m}\)
Ergebnis
Aus der Steigung der Geraden folgt die Zeitkonstante.
  • Widerstand:\(R=\dfrac{\tau}{C}\)
Formel

Linearisierung

\(\ln U=\ln U_0-\dfrac{1}{RC}\,t\)
Das ist eine Geradengleichung \(y=b+m\,t\) mit Steigung \(m=-\dfrac{1}{\tau}\).
Merke

Linearisierung: Logarithmieren macht aus der Entladekurve eine Gerade \(y=b+m\,t\):

\(\ln U=\ln U_0-\dfrac{1}{RC}\,t\)

Zeitkonstante: Aus der Steigung \(m=-\dfrac{1}{\tau}\) folgt \(\tau=R\,C=-\dfrac{1}{m}\) und \(R=\dfrac{\tau}{C}\).

So arbeitet LinReg: Die beste Gerade hat die kleinste Summe der quadrierten senkrechten Abstände. Lege sie selbst.

Ausgleichsgerade legen

Die Fehlerquadratsumme unten sagt, wie gut die Gerade zu den Messpunkten passt — kleiner ist besser. „Beste Gerade“ liefert den Wert, den auch der GTR berechnet.

linearisiert: ln U über t
Fehlerquadratsumme
–
Zeitkonstante τ = −1/m
–
Widerstand R = τ/C
–
Anfangsspannung U₀ = eb
–

Die Fehlerquadratsumme reagiert empfindlich auf die Steigung — genau die gesuchte Größe. In der Ansicht \(U\) über \(t\) erscheint dieselbe Gerade als e-Kurve.

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Am GTR zur Zeitkonstante und zum Widerstand

Der Taschenrechner bildet die Logarithmen und legt die Ausgleichsgerade durch alle Punkte zugleich — man muss ihm nur die richtigen Listen übergeben.

  • Messwerte eingeben: Zeiten in Liste L1, Spannungen in L2.
  • Neue Liste bilden: L3 = ln(L2).
  • Lineare Regression auf L1, L3 ausführen (LinReg / lineare Anpassung).
  • Die Steigung \(m\) ablesen — hier \(m\approx-0{,}21\,\tfrac{1}{\mathrm s}\).
  • Zeitkonstante: \(\tau=-\dfrac{1}{m}\approx4{,}7\,\mathrm s\); dann \(R=\dfrac{\tau}{C}\).
Das Steigungsdreieck in der ln-Geraden
Steigung ablesen: immer über einen großen Abschnitt Δ(ln U) = −1,28 Δt = 6,0 s 2,0 1,0 0 ln U 0 2 4 6 8 10 t in s m = Δ(ln U) : Δt = −1,28 : 6,0 s ≈ −0,2131s
Merke

GTR-Ablauf: Zeiten in L1, Spannungen in L2 eingeben, \(\mathrm{L3}=\ln(\mathrm{L2})\) bilden und lineare Regression auf L1, L3 ausführen.

Auswertung: Aus der Steigung \(m\) folgt \(\tau=-\dfrac{1}{m}\), dann \(R=\dfrac{\tau}{C}\).

Denselben Versuch umgekehrt lesen: die Kapazität bestimmen

Meist ist \(R\) genau bekannt (±1 %), ein Elko dagegen nur auf ±20 %. Dann liefert derselbe Versuch die Kapazität \(C=\dfrac{\tau}{R}\).

Herleitung:

  • Ablesen:Halbwertszeit \(t_{1/2}\) am Diagramm ablesen.
\(t_{1/2}=\tau\cdot\ln 2\)
| : \(\ln 2\)
Zusammenhang.
\(\tau=\dfrac{t_{1/2}}{\ln 2}\)
| : \(R\)
Nach der Zeitkonstante umgestellt.
\(C=\dfrac{\tau}{R}\)
Ergebnis
Mit bekanntem Widerstand liefert derselbe Versuch die Kapazität.
Formel

Kapazität aus der Entladekurve

\(\tau=\dfrac{t_{1/2}}{\ln 2}\)
\(C=\dfrac{\tau}{R}\)
\(\ln 2\approx0{,}693\); \(t_{1/2}\) in s und \(R\) in Ω ergeben \(C\) in F.
Von der Halbwertszeit zur Kapazität
Halbwertszeit direkt aus der Messkurve ablesen 02468100246810 U in V t in s U₀ = 10,0 V U₀/2 = 5,0 V t₁/₂ ≈ 3,3 s τ = t₁/₂ : ln 2 ≈ 4,8 s C = τ : R ≈ 1,0 mF
Bei \(\dfrac{U_0}{2}\) waagerecht zur Kurve, dann senkrecht zur Zeitachse: \(t_{1/2}\).
Merke

Zwei Leserichtungen: Die Entladekurve liefert nur das Produkt \(\tau=R\cdot C\); das zuverlässigere Bauteil muss bekannt sein.

Kapazität: Ist \(R\) genau bekannt, folgt \(C\) aus der Kurve: \(\tau=\dfrac{t_{1/2}}{\ln 2}\) und:

\(C=\dfrac{\tau}{R}\)

Die geflossene Ladung aus dem I-t-Diagramm

Bei konstantem Strom ist \(Q=I\cdot t\) die Rechteckfläche unter der \(I\)-\(t\)-Linie. Beim Kondensator fällt \(I\) — die Ladung bleibt die Fläche unter der Kurve.

Die Ladung steckt in der Fläche
0369120,00,51,01,52,02,5t in sI in mAQ ≈ 8,8 mCt = 10 s
Aufladen mit \(R=4{,}7\,\mathrm{k\Omega}\), \(C=1000\,\mu\mathrm F\), \(U_0=10\,\mathrm V\): Die orange Fläche ist die Ladung der ersten zehn Sekunden.

Näherung: Fläche in schmale Streifen zerlegen; jeder Streifen ist ein Trapez (Mittelwert der Randströme mal Breite).

Formel
\(Q\approx\displaystyle\sum_{i}\dfrac{I_i+I_{i+1}}{2}\cdot\Delta t\)
\(Q_{\text{gesamt}}=C\cdot U_0\)

Oben die Streifenmethode, unten die Gesamtladung als Kontrolle. \(1\,\mathrm{mA}\cdot1\,\mathrm s=1\,\mathrm{mC}\).

Merke

Geflossene Ladung: Bei veränderlichem Strom ist \(Q\) die Fläche unter der I-t-Kurve, nicht \(I\cdot t\).

Näherung: Streifenmethode: \(Q\approx\sum_i\dfrac{I_i+I_{i+1}}{2}\cdot\Delta t\).

Kontrolle: Die Ladung darf \(C\cdot U_0\) nie überschreiten; \(1\,\mathrm{mA}\cdot1\,\mathrm s=1\,\mathrm{mC}\).

Streifenbreite und Endzeitpunkt sind wählbar; der exakte Wert wird mitgerechnet.

Ladung als Fläche

Aufladekurve für \(R=4{,}7\,\mathrm{k\Omega}\), \(C=1000\,\mu\mathrm F\), \(U_0=10\,\mathrm V\). Die Streifensumme nähert den exakten Flächeninhalt unter der Kurve an.

0369120,00,51,01,52,02,5t in sI in mA t = 10 s
Streifensumme–
exakter Wert–
Abweichung–
Anteil an \(C\cdot U_0\)–

Die Streifensumme liegt immer etwas über dem exakten Wert; halbe Streifenbreite viertelt ungefähr die Abweichung. Die 10 mC aus \(C\cdot U_0\) werden nie ganz erreicht.

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Allgemeine Hinweise

Diese Fehler liefern trotzdem schöne Geraden — nur eine Plausibilitätskontrolle deckt sie auf.

\(\lg U\) statt \(\ln U\)

Wird der Zehnerlogarithmus aufgetragen, ist die Steigung um \(\ln 10\approx2{,}30\) zu klein — \(\tau\) und \(R\) also um denselben Faktor zu groß. Die Punkte liegen trotzdem exakt auf einer Geraden; nur der Vergleich mit dem Bauteil-Aufdruck verrät den Fehler.

Kapazität in \(\mu\mathrm F\)

\(C\) muss in Farad eingesetzt werden, hier \(1000\,\mu\mathrm F=0{,}001\,\mathrm F\). Sonst liegt \(R\) um \(10^{6}\) daneben. Einheitenprobe: \(1\,\Omega\cdot1\,\mathrm F=1\,\mathrm s\).

Die Steigung sauber ablesen

Das Steigungsdreieck sollte mindestens die halbe Messdauer überspannen, hier also rund fünf Sekunden. Und das Minuszeichen in \(\tau=-\dfrac{1}{m}\) nicht vergessen — eine negative Zeitkonstante ist unmöglich.

Der häufigste Fehler: \(\lg U\) statt \(\ln U\)
Beide Punktreihen liegen perfekt auf einer Geraden — nur eine ist richtig 0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 0 2 4 6 8 10 t in s ln U bzw. lg U ln U aufgetragen · m = −0,2131s→ τ = 4,7 s ✓ lg U aufgetragen · m = −0,09241s→ τ = 10,8 s ✗
Beide Auftragungen sind tadellose Geraden — der Fehler steckt nur in der Achse. Bleib konsequent bei \(\ln\).

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