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Atomhülle

Elf Aufgaben zum Verallgemeinern und Reflektieren: Modellgrenzen abwägen, Messreihen deuten, Hypothesen prüfen und Gegenargumente entkräften — hier zählt der begründete Antwortsatz mindestens so viel wie die Zahl.

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Aufgabenblock — AFB III

Auf dieser Stufe reicht es nicht, eine Formel zu bedienen. Du sollst verallgemeinern und reflektieren: eine Modellaussage begründen, eine Messreihe deuten, eine Hypothese prüfen, eine Behauptung aus dem Kurs entkräften — und sagen, wofür ein Modell taugt und wo seine Grenze liegt. Gerechnet wird nur dort, wo die Zahl das Argument trägt. Bei jeder Aufgabe gibt es zwei gestufte Tipps (Strategie → Lösungsskizze) und eine Musterlösung zum Aufklappen; erst selbst denken, dann aufklappen — das Aufklappen zählt als erledigt. Rechne mit \(h\,c = 1240\,\text{eV⋅nm}\) und gib Dezimalzahlen mit Komma ein.

A1
Der Topf am Wasserstoffatom — wie weit daneben?Potenzialtopf
AFB III

Ein Kurs will das Wasserstoffatom als eindimensionalen Potenzialtopf rechnen und setzt für die Topfbreite den Atomdurchmesser im Grundzustand an: \(L = 0{,}106\,\text{nm}\). Das Modell liefert damit \(W_1 = +33{,}5\,\text{eV}\) und \(W_2 = +134\,\text{eV}\). Die Messung am echten Wasserstoffatom ergibt für \(1\to 2\) dagegen \(\Delta W = 10{,}20\,\text{eV}\) und \(\lambda = 122\,\text{nm}\).

Gegeben: \(W_1 = 33{,}5\,\text{eV}\), \(W_2 = 134\,\text{eV}\) (Topf); \(\Delta W = (2^2-1^2)\,W_1 = 3W_1\); \(\lambda = \dfrac{1240\,\text{eV⋅nm}}{\Delta W}\). Messwerte: 10,20 eV und 122 nm.
  1. a) Berechne die beiden fehlenden Topfwerte \(\Delta W_{1\to 2}\) und \(\lambda\).
  2. b) Vergleiche mit der Messung und nenne zwei Eigenschaften des Wasserstoffatoms, die der Topf grundsätzlich nicht abbilden kann.
eV
nm
Strategie: Nicht \(W_2\) einsetzen, sondern die Differenz: \(\Delta W = W_2 - W_1 = 3W_1\), weil \(2^2-1^2 = 3\). Damit dann \(\lambda = 1240/\Delta W\). Für b) frage dich, was am Topf gebaut ist: unendlich hohe Wände und \(+n^2\).Warum so? Erst wenn beide Modelle dieselbe Größe liefern, ist der Vergleich fair — und der Größenordnungs-Unterschied wird sichtbar.
Lösungsskizze: \(\Delta W = 134 - 33{,}5 = 100{,}5\,\text{eV}\) (Kontrolle: \(3\cdot 33{,}5\)). \(\lambda = 1240/100{,}5 \approx 12{,}3\,\text{nm}\). Das ist rund der Faktor 10 neben 10,20 eV bzw. 122 nm. Grundsätzlich fehlen dem Topf: eine endliche Ionisierungsgrenze und das Zusammenrücken der Niveaus nach oben.
Musterlösung anzeigen (zählt als erledigt)

a) \(\Delta W_{1\to 2} = W_2 - W_1 = 134\,\text{eV} - 33{,}5\,\text{eV} = \) 100,5 eV (gleichwertig \(3W_1 = 3\cdot 33{,}5\,\text{eV}\)). Daraus \(\lambda = \dfrac{1240\,\text{eV⋅nm}}{100{,}5\,\text{eV}} \approx\) 12,3 nm.

b) Vergleich: Gemessen sind 10,20 eV und 122 nm — der Topf liegt also in beiden Größen um rund den Faktor 10 daneben. Dazu kommt das falsche Vorzeichen: Topfenergien sind positiv, die Niveaus des Atoms negativ (gebunden).

Zwei prinzipielle Grenzen:

  • Keine Ionisierungsgrenze. Die Wände sind unendlich hoch, die Energien wachsen grenzenlos. Das Atom hat dagegen eine feste Ionisierungsenergie von 13,60 eV und oberhalb \(W=0\) ein Kontinuum.
  • Falscher Trend der Stufen. Der Topf spreizt die Niveaus mit \(+n^2\) nach oben, das Atom staucht sie mit \(-\frac{13{,}6\,\text{eV}}{n^2}\) zusammen — daher die Häufung der Balmer-Linien an der Seriengrenze.

Zusätzlich fehlen dem 1D-Topf die drei Raumrichtungen: die nach außen schwächer werdende Kernanziehung und die Orbitalformen. Zu jeder Quantenzahl gehört im Topf nur ein einziger Zustand.

Topf, L = 0,106 nm Wasserstoffatom +33,5 eV +134 eV 100,5 eV 0 −13,6 −3,40 10,20 eV Faktor 10 daneben — und das falsche Vorzeichen
Topfwerte gegen Messwerte
A2
Zwei Kursaussagen — ist der Topf ein „falsches“ Modell?Potenzialtopf
AFB III

Nach dem Vergleich aus A1 diskutiert der Kurs. Zwei Stimmen stehen im Raum:

Lena: „Wenn das Modell beim Wasserstoffatom um den Faktor 10 danebenliegt und obendrein das falsche Vorzeichen hat, dann ist der Potenzialtopf einfach ein falsches Modell. Weg damit.“
Tarek: „Das ist doch nur eine kleine Ungenauigkeit. Bei den Farbstoffketten passt es auf 1,6 % genau — Wasserstoff ist eben ein Sonderfall, den man wegdiskutieren kann.“
  1. a) Beurteile beide Aussagen in je zwei bis drei Sätzen. Sage jeweils, was zutrifft und wo das Argument nicht trägt.
  2. b) Formuliere in einem Satz, welche Frage man einem Modell statt „Stimmt es?“ stellen sollte.
  3. c) Entwickle drei Anforderungen, die ein besseres Atommodell erfüllen muss, und gib zu jeder einen Beleg aus der Messung an.
Strategie: Trenne sauber zwischen dem Prinzip (Einsperren einer Materiewelle erzwingt diskrete Energien) und den Zahlenwerten für ein konkretes System. Prüfe dann bei beiden Aussagen: Wird das Prinzip mit dem Zahlenwert verwechselt — oder umgekehrt?Warum so? Wer beides vermischt, hält den Topf entweder für ein Atommodell oder für wertlos. Beides ist falsch.
Lösungsskizze: Lena greift zu kurz: Modelle sind zweckgebunden, entscheidend ist der Gültigkeitsbereich — der Topf erklärt die Quantisierung und beschreibt Farbstoffketten quantitativ. Tarek verharmlost: das Scheitern ist systematisch (falscher Trend, keine Ionisierungsgrenze), und Wasserstoff ist kein Sonderfall, sondern der Regelfall „Elektron im Feld des Kerns“. Für c) denke an: weiches Potenzial statt Wände · nach oben zusammenrückende Niveaus · drei Dimensionen.
Musterlösung anzeigen (zählt als erledigt)

a) Lena — greift zu kurz. Richtig ist ihr Befund: Für das Wasserstoffatom ist der Topf unbrauchbar. Falsch ist die Folgerung. Modelle sind nicht wahr oder falsch, sondern zweckgebunden: Sie haben einen Gültigkeitsbereich. Der Topf bringt Quantisierung, Randbedingung und Materiewellen-Vorstellung bereits richtig mit — ausgetauscht werden muss nur der Rahmen (das Potenzial). Für langgestreckte Farbstoffketten liefert er sogar belastbare Zahlen.

a) Tarek — verharmlost. Richtig ist, dass die Farbstoffrechnung gut passt. Falsch ist „kleine Ungenauigkeit“: Ein Faktor 10 und ein umgedrehtes Vorzeichen sind kein Rundungsfehler, sondern ein systematisches Scheitern — der Topf spreizt die Stufen, das Atom staucht sie. Und ein Elektron im Feld eines Kerns ist kein Sonderfall, sondern der Regelfall. Ein Teilerfolg ist kein Freibrief für alle Systeme.

b) Die bessere Frage: Nicht „Stimmt das Modell?“, sondern „Wofür stimmt es — und wo liegt seine Grenze?“

c) Anforderungen an ein besseres Atommodell:

  1. Nach außen schwächer werdende Kernanziehung statt steiler Wände. Beleg: Das Atom hat eine endliche Ionisierungsenergie von 13,60 eV, oberhalb \(W=0\) liegt ein Kontinuum.
  2. Nach oben zusammenrückende Niveaus \(W_n\sim -\frac{1}{n^2}\). Beleg: Die Balmer-Linien häufen sich zur Seriengrenze bei 365 nm — sie rücken nach kurzen Wellenlängen zusammen.
  3. Dreidimensionale Beschreibung. Beleg: Das Atom ist kugelsymmetrisch, und zu einer Quantenzahl gehören mehrere Zustände (Bahndrehimpuls, Orbitalformen) — im 1D-Topf gibt es zu jedem \(n\) nur einen einzigen.

Alle drei Anforderungen erfüllt erst ein Modell der Materiewelle im Feld des Kerns (Orbitalmodell). Das Scheitern des Topfs ist damit kein Unglück, sondern ein Wegweiser: Es zeigt genau, was ein besseres Modell mitbringen muss.

Wofür taugt der Topf? ✓ Prinzip: Einsperren erzwingt diskrete Energien ✓ Farbstoffketten: 539 nm gegen 548 nm gemessen ✗ Wasserstoffspektrum: 100,5 eV statt 10,20 eV ✗ Ionisierungsenergie und Orbitalformen Nicht „stimmt es?“, sondern „wofür stimmt es?“
Gültigkeitsbereich statt Wahrheitsfrage
A3
Nanodrähte — hält die Hypothese ΔW·L² = konstant?Potenzialtopf
AFB III

An vier Nanodrähten wurde die Energie des Übergangs \(1\to 2\) gemessen. Das Kastenmodell sagt \(\Delta W_{1\to 2} = 3W_1 \sim \dfrac{1}{L^2}\) voraus — also müsste das Produkt \(\Delta W\cdot L^2\) für alle Drähte denselben Wert haben.

M1 — Messreihe: Drahtlänge und gemessene Übergangsenergie
DrahtABCD
L in nm1,001,502,003,00
ΔW1→2 in eV1,100,490,290,12
ΔW·L² in eV·nm²1,101,101,16?
Gegeben: \(W_1\approx\dfrac{0{,}376\,\text{eV}}{(L/\text{nm})^2}\), also \(\Delta W_{1\to 2}\cdot L^2 = 3\cdot 0{,}376\,\text{eV⋅nm}^2 = 1{,}128\,\text{eV⋅nm}^2\); \(\lambda=\dfrac{1240\,\text{eV⋅nm}}{\Delta W}\).
  1. a) Ergänze die Prüfgröße für Draht D.
  2. b) Beurteile, ob die Messreihe die Hypothese stützt — und was die Streuung von unter ±5 % um den Mittelwert 1,11 eV·nm² beweist und was nicht.
  3. c) Ein Team will einen Draht bauen, der rotes Licht mit \(\lambda = 650\,\text{nm}\) aussendet. Berechne die nötige Länge \(L\) und nimm Stellung, ob das Modell dort noch trägt.
eV·nm²
nm
Strategie: a) Einfach \(0{,}12\,\text{eV}\cdot(3{,}00\,\text{nm})^2\) rechnen. c) Zuerst aus der Wellenlänge die Energie machen (\(\Delta W = 1240/650\)), dann die Prüfgröße nach \(L^2\) auflösen: \(L^2 = 1{,}128/\Delta W\) — und die Wurzel nicht vergessen.Warum so? Eine Proportionalität prüft man, indem man die behauptete Konstante ausrechnet — ist sie für alle Messpunkte gleich, trägt die Hypothese.
Lösungsskizze: a) \(0{,}12\cdot 9{,}00 = 1{,}08\,\text{eV⋅nm}^2\). c) \(\Delta W = 1240/650 \approx 1{,}91\,\text{eV}\); \(L^2 = 1{,}128/1{,}91 \approx 0{,}59\,\text{nm}^2\); \(L \approx 0{,}77\,\text{nm}\) — nur wenige Atomdurchmesser (ein Atom misst rund 0,1 nm).
Musterlösung anzeigen (zählt als erledigt)

a) \(\Delta W\cdot L^2 = 0{,}12\,\text{eV}\cdot (3{,}00\,\text{nm})^2 = 0{,}12\cdot 9{,}00 = \) 1,08 eV·nm².

b) Beurteilung: Die vier Werte 1,10 · 1,10 · 1,16 · 1,08 eV·nm² streuen um weniger als ±5 % um den Mittelwert 1,11 eV·nm², und der theoretische Wert \(3\cdot 0{,}376 = 1{,}128\,\text{eV⋅nm}^2\) liegt mitten in diesem Streuband. Über eine Längenspanne von 1,00 nm bis 3,00 nm ändert sich \(\Delta W\) um fast den Faktor 10 — dass die Prüfgröße dabei konstant bleibt, ist ein starkes Argument für die \(1/L^2\)-Abhängigkeit.

Was das nicht beweist: Bestätigt ist damit nur die Skalierung im untersuchten Bereich, nicht das Modell als Ganzes. Die Messreihe sagt nichts darüber, ob die Wände wirklich unendlich hoch sind, ob es einen Ionisierungsrand gibt oder ob die Beschreibung außerhalb von 1–3 nm noch trägt. Vier Punkte in einem schmalen Fenster sind kein Beleg für Allgemeingültigkeit — eine Hypothese wird durch Messungen gestützt, nie endgültig bewiesen.

c) Rechnung: \(\Delta W = \dfrac{1240\,\text{eV⋅nm}}{650\,\text{nm}} \approx 1{,}91\,\text{eV}\); daraus \(L^2 = \dfrac{1{,}128\,\text{eV⋅nm}^2}{1{,}91\,\text{eV}} \approx 0{,}59\,\text{nm}^2\), also \(L \approx\) 0,77 nm.

Stellungnahme: 0,77 nm entspricht nur rund sieben bis acht Atomdurchmessern (ein Atom misst etwa 0,1 nm). Auf dieser Skala sind die Modellannahmen kaum noch haltbar: Es gibt keinen glatten Kasten mehr, sondern einzelne Atomrümpfe, das Potenzial ist nicht flach, und die Wände sind nicht unendlich hoch. Die Rechnung liefert also eine Größenordnung, aber keine belastbare Bauvorschrift — extrapoliert wurde weit über den geprüften Bereich hinaus.

Prüfgröße ΔW·L² in eV·nm² Modell 1,128 · Streuband ±4 % 1,101,101,161,08 ABCD L = 1,00 · 1,50 · 2,00 · 3,00 nm konstant im geprüften Fenster — mehr nicht
Vier Messpunkte, eine Hypothese

Reflexion — was hast du mitgenommen?

AFB III heißt bei der Atomhülle: nicht nur rechnen, sondern das Ergebnis einordnen. Du hast geübt:

  • Modellgrenzen benennen — der Potenzialtopf erklärt das Prinzip und trifft Farbstoffketten, scheitert am Wasserstoffatom aber systematisch (100,5 eV statt 10,20 eV) und mit dem falschen Vorzeichen.
  • Messreihen deuten — konstantes \(\Delta W\cdot L^2\) stützt die \(1/L^2\)-Abhängigkeit im geprüften Fenster, beweist aber nicht das ganze Modell; die Ausgleichsgerade der Franck-Hertz-Werte liefert Anregungsenergie (Steigung) und systematischen Fehler (Achsenabschnitt) in einem Schritt.
  • Gegenargumente entkräften — „ein bisschen dazwischen geht auch“, „die Energie ist vernichtet“, „mehr Anregungsenergie heißt mehr Schichten“: Jedes dieser Argumente scheitert an einer festen Stelle im Formelbild.
  • Nachweislogik anwenden — das Vorhandensein einer Linie beweist, ihr Fehlen nicht; sichtbare Linien geben nur eine untere Schranke für die Zahl der Niveaus, denn \(Z=\frac{N(N-1)}{2}\) wächst viel schneller als \(N\).
  • Gültigkeitsbereiche trennen — Wien und Stefan-Boltzmann gelten für den heißen dichten Körper, Niveaudifferenzen für das dünne Gas. Wer die Gesetze vertauscht, erhält saubere Zahlen ohne Bedeutung.

In der Klausur zählt bei AFB III der Begründungssatz. Faustregel: erst rechnen, dann die Richtung prüfen (großes ΔW = kurze Welle), und bei Modellfragen nie „richtig/falsch“ antworten, sondern wofür das Modell taugt und wo seine Grenze liegt.