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Kunststoffe und Naturstoffe

Zehn Aufgaben, in denen das Argument zählt — vom Winterreifen bis zum Proteinpulver.

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Aufgabenblock — AFB III

Beurteilen, planen, entwickeln: Hier zählt das fachliche Argument. Versuchen Sie jede Aufgabe erst selbst, bevor Sie die Musterlösung aufklappen.

A1
Benzoesäure als Kettenstopper
AFB III

Bei der Herstellung eines Polyesters aus Terephthalsäure und Ethan-1,2-diol schlägt ein Techniker vor, 0,5 % Benzoesäure (\(\ce{C6H5-COOH}\)) zuzusetzen, um die Schmelzviskosität gezielt einzustellen. Beurteilen Sie den Vorschlag.

Hinweis: Denken Sie an die Stöchiometrie der funktionellen Gruppen.

Strategie: Funktionelle Gruppen je Molekül zählen.Warum so? Nur bifunktionelle Moleküle verlängern die Kette an beiden Enden.
Lösungsskizze: Benzoesäure ist monofunktionell → verschließt ein Kettenende → kürzere Ketten, geringere Viskosität, gut steuerbar.
Musterlösung anzeigen (zählt als erledigt)

Musterlösung: Benzoesäure trägt nur eine Carboxygruppe. Sie wird wie die Dicarbonsäure verestert, bietet danach aber keine weitere reaktive Gruppe: Das Kettenende ist verschlossen. Damit begrenzt sie den mittleren Polymerisationsgrad — je mehr Benzoesäure, desto kürzer die Ketten, desto geringer die Schmelzviskosität. Der Vorschlag ist chemisch sinnvoll, wenn die Menge genau dosiert wird: Ein Zuviel liefert zu kurze Ketten mit schlechter Festigkeit. Zusätzlich verschiebt die zusätzliche Säure das 1 : 1-Verhältnis der Gruppen.

A2
Reifen für den sibirischen Winter
AFB III

Für Winterreifen stehen zwei vernetzte Kautschukmischungen zur Wahl: Mischung A mit \(T_\text{g} = -55\,°\text{C}\), Mischung B mit \(T_\text{g} = -15\,°\text{C}\). Die Reifen sollen bei −40 °C noch haften. Entscheiden Sie sich begründet für eine Mischung.

Hinweis: Vergleichen Sie jeweils Gebrauchstemperatur und Glasübergangstemperatur.

Strategie: Gebrauchstemperatur mit \(T_\text{g}\) vergleichen.Warum so? Unter \(T_\text{g}\) sind die Kettensegmente eingefroren.
Lösungsskizze: Bei −40 °C liegt B unter T_g → glasartig hart; A bleibt gummielastisch.
Musterlösung anzeigen (zählt als erledigt)

Musterlösung: Gummielastisch ist ein Elastomer nur oberhalb von \(T_\text{g}\): Dann schwingen die Kettensegmente, das weite Netz verhindert das Fließen. Bei −40 °C liegt Mischung B unterhalb ihrer Glasübergangstemperatur — die Segmente sind eingefroren, der Reifen wird hart und spröde, er haftet schlecht und kann reißen. Mischung A liegt 15 K über \(T_\text{g}\) und bleibt elastisch. Entscheidung: Mischung A.

A3
Welcher Abbruch lag vor?
AFB III

Styrol wird mit einem Initiator polymerisiert, dessen Reste R ein Brom-Atom enthalten. Die Analyse zeigt: Nahezu jede Kette trägt zwei Br-haltige Endgruppen; C=C-Doppelbindungen sind in den Ketten praktisch nicht nachweisbar. Deuten Sie den Befund im Hinblick auf den Kettenabbruch.

Hinweis: Zählen Sie die Initiatorreste pro fertiger Kette.

Strategie: Beide Abbruchwege aufschreiben und die Endgruppen vergleichen.Warum so? Jede Kette beginnt mit genau einem Initiatorrest.
Lösungsskizze: Rekombination verbindet zwei Ketten → zwei R-Enden, keine C=C. Disproportionierung → je ein R-Ende, eine Kette mit C=C.
Musterlösung anzeigen (zählt als erledigt)

Musterlösung: Jede wachsende Kette trägt am Anfang genau einen Rest R. Bei der Rekombination verbinden sich zwei Radikal-Enden zu einer Bindung — die entstehende Kette hat an beiden Enden einen Rest R, eine Doppelbindung entsteht nicht. Bei der Disproportionierung überträgt ein Radikal ein H-Atom auf das andere: Beide Ketten behalten nur einen Rest R, eine davon erhält eine C=C-Endgruppe. Der Befund (zwei Br-Endgruppen, keine C=C) spricht also für den Abbruch durch Rekombination.